Samstag, 3. Oktober 2009

Leserbrief an Alice Miller zum Tode von Michael Jackson

Sehr geehrte Frau Miller, liebes Team!

Wie nahezu jeder andere Bürger des Planeten habe natürlich auch ich vom Tode Michael Jacksons erfahren. Dass er vorzeitig eines unnatürlichen Todes starb, wundert angesichts seiner Geschichte, insbesondere der Kindheit, selbstverständlich nicht. Schon eher, dass es nicht schon früher geschah...

Jedoch wunderte mich etwas, dass er mit diesem doch scheinbar absolut ungewöhnlichen Leben in der Lage war, bis über den Tod hinaus so viele Menschen zur Identifikation zu bringen. Es muss also einiges geben, was MJ mit uns anderen gemein hat.

Offensichtlich und auch von den meisten Kommentatoren erwähnt, wurden MJ und seine Brüder von seinem gewalttätigen Vater dazu gezwungen, dessen Lebenstraum einer Musikkarriere stellvertretend zu verwirklichen. Michaels eigene Bedürfnisse zählten da nicht. Jeder Versuch der Auflehnung wurde im Keime mit Schlägen erstickt. So blieb der Ruhm trotz aller immensen Größe nur ein untauglicher Ersatz für das Leben-Dürfen des eigenen Lebens. Zeitlebens blieb der unerfüllbare Wunsch nach einem Nachholen des einst Verweigerten - der unbeschwerten Kindheit, mit den bekannten Auswüchsen. Statt dessen bekam er eine Als-Ob-Identität: auf der Bühne stellte er den allmächtigen Super-Star dar, mit teils militaristisch anmutenden Kostümen, die im Kontrast zu seiner zerbrechlichen Erscheinung standen, und ihm wurde statt Liebe die Bewunderung der Massen zuteil. Das millionenfach geschrieene "We love you, Michael!" kann das ehrliche "Wir lieben dich" der Eltern nicht ersetzen.

Es bleibt zu hoffen, dass durch das jetzt weithin sichtbare Schicksal des MJ für eine breite Öffentlichkeit erkennbar wird, was es bewirkt, wenn man Kinder als Eigentum und Verlängerung der eigenen Person begreift und sie entsprechend benutzt. MJ hat bravourös den Auftrag seines Vaters erfüllt, mit Gesang berühmt zu werden. Aber es hat ihn vernichtet und auch den Vater nicht dankbar oder glücklich gemacht. Doch auch, wenn die meisten Menschen (zum Glück) nicht in solch extremer Weise missbraucht werden, so werden doch viele mehr oder weniger zu Kopien ihrer Eltern dressiert statt in ihr eigenes Leben begleitet. Spüren das all jene auf diffuse Weise, die an seinem Schicksal jetzt so sehr Anteil nehmen?

Es bleibt jedoch zu befürchten, dass viele der nun um MJ trauernden Menschen sehr wohl den extremen Missbrauch des Vaters am Leben Michaels sehen und ihn verurteilen, aber die weniger dramatischen Versuche der eigenen Eltern verdrängen, Ähnliches mit ihnen zu tun oder getan zu haben. Über das Mitleid wird unbewusst eine Verbindung zum eigenen Erleben hergestellt, aber der volle Durchbruch zur Empörung über den missbrauchenden Vater bleibt aus. Viel zu wenig höre ich von aufbrandender Empörung über Joe Jackson und den gerechtfertigten Vorwurf des Seelenmordes an seinem Sohn. Er steht keineswegs am Pranger, wie es ihm eigentlich zukäme; statt dessen wird von "Tragik" gesprochen, als käme sie von sonstwoher. Nur ein einziger Artikel in all der monströsen Nachrichtenflut erwähnte, dass man schon kurz nach Michael Jacksons Tod den Vater wieder lachen und Witze reissen hörte, und dass er ernstlich der Meinung ist, er habe M. nie geschlagen, weil ja nur Stockhiebe als solches gälten, Gürtel und Stromkabel dagegen nicht. Man spricht lieber über MJs Musik und seine bizarren OPs als den Vater offen verantwortlich zu machen für das Wrack, das der aus seinem Sohn über die Jahre hinweg gemacht hat.


Sie können diesen Brief gern auf der Website veröffentlichen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen